Wenn Tiere Opfer des Krieges werden

Verwüstung und Zerfall zeichnen das Bild einst belebter Städte. Für die Bewohner ist im Krieg nichts mehr wie es war. Doch was wird in solchen Ausnahmezuständen aus den Tieren?

In der Ukraine bleiben die Tiere nicht vom Krieg verschont und kämpfen Tag für Tag ums Überleben. Foto: PAWU – Protect Animals With Us

Stellen Sie sich vor, wie ein markerschütternder Knall Sie erstarren lässt. Schüsse und verheerende Bomben sorgen jeden Tag für Angst und Schrecken. Denn in Ihrer Heimatstadt herrscht Krieg. Um Sie herum wird alles zerstört, Essen und frisches Wasser gibt es kaum noch und der Strom ist schon lange weg. Um Ihre geliebte Familie zu retten, müssen Sie fliehen. Jede Sekunde zählt. Doch Ihr Vierbeiner, das treueste Familienmitglied, darf nicht mit über die Grenze in das Land, in dem Sie Ihr Leben und das Ihrer Familie retten wollen. Würden Sie Ihr Haustier zurücklassen oder Ihrem Tier zuliebe bleiben und Ihre Kinder Bombenangriffen aussetzen?

Die verlassenen Haustiere von Syrien

Vor dieser schweren Entscheidung stehen die Bewohner in Syriens zweitgrößter Stadt Aleppo. Das Leben hier ist nicht mehr dasselbe. Inmitten der Trümmer irren viele zurückgebliebene Vierbeiner umher und sind auf der Suche nach Sicherheit. Für sie ist die Situation im Kriegsgebiet genauso traumatisierend, wie für die Menschen. Sie verstehen nicht, was geschieht und leben in blanker Panik. Oft werden Familien auch unfreiwillig von ihren Haustieren getrennt und verlieren sich im grausamen Chaos des Krieges aus den Augen. Die Orte gleichen Geisterstädten, denn die Hälfte der Bevölkerung ist geflohen. Nur die, die nicht fliehen wollen oder zu schwach für die lange Reise sind, bleiben in Syrien. Mit ihnen auch schwerverletzte Katzen und Hunde mit Brandwunden und abgetrennten Beinchen, die in ihren Verstecken zittern und auf ein lebensrettendes Wunder warten.

In den Trümmern kämpfen die Tiere ums Überleben. Foto: Ukrolenochka

Hilfe in der Not

Doch ein Fünkchen Hoffnung bleibt, denn neben Hilfsorganisationen für Menschen setzen sich engagierte Tierschützer und Tierschutzvereine in den Krisengebieten ein, um die verlassenen Tiere zu versorgen. So auch der bekannte Katzenretter von Aleppo, Mohammad Alaa Aljaleel. Während Alaas Freunde aus Syrien geflohen sind, kämpft er mit allen Mitteln für die Straßenkatzen und verwaisten Tiere. Mittlerweile versorgt er über 150 Katzen in der vom Krieg gezeichneten Region. Trotz Luftangriffen und der ständigen Gefahr in Syriens zweitgrößter Stadt, gibt er nicht auf. In einem Refugium nimmt er Straßenkatzen auf und einige Flüchtlinge bringen ihre Katzen vor der Flucht zu ihm in die Obhut. Jeden Morgen besorgt er in Eigenleistung Futter für die Katzen. Doch Alaa ist nicht allein. Auch deutsche Tierschutzvereine wie Frieden für Pfoten kämpfen für die Tiere in Syrien. „Unterstützung für Tiere in einem Kriegsgebiet zu gewährleisten ist mehr als schwierig. Wir unterstützen private Tierschützer in Syrien, denn das Leid vor Ort ist schrecklich“, sagt Bettina Schneider, 1. Vorsitzende von Frieden für Pfoten. Und auch um die Zusammenführung zurückgelassener Haustiere mit ihren Besitzern kümmert sich der Verein.

Für Syrer Bob und seine Hündin Jessie fühlte sich ihr Jahr ohne einander wie eine Ewigkeit an. Auf der Flucht von Aleppo nach Deutschland wurden die beiden nach 10 gemeinsamen Jahren getrennt. Jessie war schon immer ein Familienmitglied. Doch die Reise endete für die Hündin an der Grenze, denn die strengen Ausreisebestimmungen und notwendigen Impfungen waren für Bob unmöglich aufzubringen. Sie zurück­zulassen schmerzte ungemein. Mit Glück kam die liebe Hündin auf einer Pflegestelle unter. Doch Bob schwor sich, dass er Jessie nach Hause holen würde – koste es was es wolle! Nie hat er daran gedacht aufzugeben. Und es hat sich gelohnt. Ein Jahr lang trennten die beiden 3500 km. Dann konnte Bob seine Jessie endlich wieder in Deutschland in die Arme schließen. „Für solche Happy Ends lohnt es sich zu kämpfen. Der Krieg sollte die geflüchteten Menschen nicht von ihren Vierbeinern trennen. Wir versuchen alles, damit Tier und Mensch wieder vereint werden“, so Bettina Schneider.

Die Tierschützer riskieren ihr Leben, um die zurückgelassenen Tiere zu retten.
Foto: dzmitry_2015

Überfüllte Tierheime in der Ukraine

Nicht nur in Syrien, auch in der Ostukraine leiden Tiere im Krisengebiet Donbass. „Das Leid vor Ort ist immer noch sehr groß. Die Tierheimleiter in der Ostukraine geben alles, um ihre Schützlinge zu versorgen“, sagt André Plambeck, Vorsitzender des Tierschutzvereins PAWU – Protect Animals with us. Der Verein ist unter anderem im Kriegsgebiet der Ukraine tätig und unter­stützt Tierheime in der Not, sodass ­Futterspenden, Zubehör und Medikamente zur Verfügung stehen. Denn die Tierheime dort sind vollkommen überfüllt. Viele der Tiere sind verwundet oder abgemagert durch den harten Kampf auf den Straßen. Die Arbeit der Tierschützer vor Ort ist bewundernswert. Sie riskieren ihr Leben, um die zurückgelassenen Tiere zu retten und geben nicht auf. Ohne den Einsatz der Vereine und ausreichend Spenden wären die Tiere in Kriegsgebieten ihrem Schicksal ausgeliefert. Gerade in solchen Ausnahmezuständen sind Mensch und Tier auf Hilfe angewiesen.