Ein Leben nach dem Labor

Ist eine Versuchsreihe beendet und die Tiere werden nicht für weitere Versuche gebraucht, dürfen sie manchmal das Labor verlassen. Doch wohin?

Dexter kommt ursprünglich aus einem Versuchslabor. Foto: Initiative Hilfe für Labortiere

Crashkurs im Leben

Als ihre Pfötchen zum ersten Mal den Waldboden berührten, war Miss Sophie sichtlich überfordert. Die vielen neuen Geräusche und Gerüche machten ihr Angst. Immer wenn die Müllabfuhr kam oder ein Auto hupte, zuckte sie zusammen. Wenn sie Kindern begegnete, wollte sie am liebsten weglaufen. Am Anfang war alles ganz neu für die Hündin. Sie war wie ein erwachsener Welpe und bekam plötzlich einen Crashkurs im Leben. Denn sie hatte sechs Jahre ihres Lebens in einem Berliner Versuchslabor verbracht. Dort hatte sie eine Nummer, keinen Namen, und lebte in einem weiß gefliesten Zwinger mit anderen Laborbeagles. Manche sind nur teilnahmslos, andere haben sich bereits aufgegeben. Miss Sophie aber ließ alles über sich ergehen und gab nie die Hoffnung auf, eines Tages zu erfahren, was sich hinter der Tür verbarg, auf die sie Tag für Tag durch die Gitterstäbe blickte. Ab und zu besuchten sie Menschen in weißen Kitteln, die mit ihr Dinge machten, die sie nicht verstand. Doch dann kam der Tag, an dem sie aus dem Labor geholt wurde. Die große stahlgraue Tür, auf die sie so lange geblickt hatte, öffnete sich. Miss Sophie durfte all das hinter sich lassen und lebt seit nunmehr sieben Jahren bei Melanie Scheel, der 1. Vorsitzenden vom Verein Initiative Hilfe für Labortiere.

Miss Sophie wurde von Melanie Scheel adoptiert. Foto: Initiative Hilfe für Labortiere

Berlin – die Hauptstadt der Tierversuche

Melanie Scheel übernimmt mit ihrem Verein Hunde, Katzen sowie Kaninchen, Ratten, Meerschweinchen oder Mäuse aus Versuchslaboren in und um Berlin. Überall in Deutschland gibt es Versuchslabore, nirgendwo aber so viele wie in der Hauptstadt. „Wir befreien die Tiere nicht heimlich, sondern helfen ihnen ganz legal in Absprache mit den Laboren“, erklärt die 48-jährige Tierschützerin. Wenn das Labor Tiere nicht mehr braucht oder übrig hat, wendet es sich an den Verein, der die Tiere abholt. „Je nach Hygienebedingungen dürfte ich auch in das Labor, aber das möchte ich nicht, denn dort sehe ich auch alle Tiere, die wir nicht bekommen“, sagt Melanie Scheel nachdenklich. Die Tierschützer bringen die Vierbeiner auf Pflegestellen unter und wählen nach ausführlichen Gesprächen und gründlichen Vorkontrollen ein neues Zuhause für die ehemaligen Versuchstiere aus. „In der Regel sind die Tiere aus dem Labor zwar einerseits noch schreckhaft und schüchtern, andererseits aber auch sehr verschmust und liebebedürftig“, sagt Petra Schmidt, Gründerin vom Tierschutzverein Sunnydays for Animals, der regelmäßig ehemalige Laborkatzen aufnimmt und vermittelt.

Für das Labor gezüchtet

Die Tiere, die die Vereine aus dem Labor übernehmen, haben nur an leichten Versuchen sowie an einfachen Verhaltensstudien teilgenommen. Oder aber es sind Tiere, die für das Labor gezüchtet wurden, aber nicht in der Menge gebraucht werden. Es gibt einige Züchter,
die sich auf Versuchstiere spezialisiert haben. Dort können die Laborleiter Tiere aller Art bestellen. Hunde, Katzen, Fische, Frösche, Vögel aber auch voroperierte Tiere oder sogar einzelne Organe – bei den Züchtern bekommen die Labore alles, was sie brauchen. „Genmanipulierte Tiere, solche denen Körperteile oder Organe fehlen oder deren Gesundheit beeinträchtigt ist, dürfen das Labor nicht mehr verlassen. Genauso wie die Tiere, die an Endversuchen teilnehmen. Das sind Versuche, die mit dem Tod enden“, erklärt Petra Schmidt. „Das Alter der Tiere ist ganz unterschiedlich. Wir hatten schon mal eine Katze, die erst 9 Monate alt war. Sie wollte sich kein Blut abnehmen lassen und durfte deswegen das Labor verlassen. Wir hatten allerdings auch schon Katzen, die 12 Jahre im Labor gelebt haben.“

Überschüssige Mäuse und Ratten werden oft getötet oder an Zoos abgegeben.
Foto: Maslov Dmitry

Nur wenige Tiere verlassen das Labor

Schätzungsweise 2 Millionen Tiere nehmen allein in Deutschland in nur einem Jahr an Tierversuchen teil. Und nur ein paar Hundert davon dürfen das Labor jemals verlassen und bekommen dank der Tierschützer die Chance auf ein neues Leben. „Manchmal gibt es sehr viele überschüssige Mäuse und Ratten. Wenn wir vom Verein sie nicht alle aufnehmen können, werden sie getötet oder an Zoos abgegeben“, so Melanie Scheel. „Ich finde es nicht richtig, dass völlig gesunde Tiere ohne Grund getötet werden. Aber die Labore wissen nicht, wo sie mit den Tieren hin sollen.“

Petra Schmidt vom Tierschutzverein Sunnydays for Animals mit einer ehemaligen Laborkatze.
Foto: Sunnydays for Animals

Strenge Regeln und Geheimhaltungspflicht

An welchen Tierversuchen ihre Schützlinge ehemals teilgenommen haben, dazu dürfen sich die Tierschützer nicht äußern: „Wir unterliegen der Geheimhaltungspflicht. Welche Unternehmen oder Marken was für Versuche durchführen, dazu können wir uns nicht äußern, ohne die Zusammenarbeit mit den Laboren zu gefährden.“ Melanie Scheel spricht sich klar gegen Tierversuche aus. Sie ist zusätzlich ehrenamtliches Mitglied in der Tierversuchskommission. Die Kommission, bestehend aus 7 Mitgliedern, berät die Behörde zu genehmigungspflichtigen Tierversuchen. „Ich finde es wichtig, mit den Laboren in Dialog zu treten, um die Anzahl der Tiere auf ein Minimum zu reduzieren. Natürlich ist das extrem belastend für mich, weil ich weiß, dass nicht alle Tiere überleben. Aber ich tue es für die, die ich retten kann.“ Der Trägerin des Berliner Tierschutzpreises bereitet aber auch große Sorgen, dass es in den 90ern noch deutlich mehr Proteste gegen Tierversuche gab. „Heute werden sie oft einfach schweigend in Kauf genommen. Ich wünsche mir für Miss Sophie und all die vielen Versuchstiere, dass mehr Menschen darauf achten, tierversuchsfreie Produkte zu kaufen und wieder anfangen, ihre Stimme gegen Tierversuche zu erheben.“